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EHRENAMTLICHE FÜR EINEN TAG MACHEN AUSFLÜGE MIT SENIOREN

„Ältere Menschen haben oft tolle Geschichten zu erzählen – und einen ziemlich guten Humor“

Der Alltag in einem Pflegeheim lässt oft keine Zeit für Ausflüge an die Orte, die die Bewohner früher regelmäßig besucht haben: das Theater, das Fußballstadion oder den Weihnachtsmarkt. Ein Projekt des Diakoniewerkes Osnabrück ermöglicht es Senioren seit vergangenem Herbst, einen dieser Wünsche erfüllt zu bekommen und begleitet zu werden. Der Vorteil: Die Ehrenamtlichen melden sich nur für einen Termin an – sie brauchen sich nicht langfristig festzulegen.

Es weht ein leichter Hauch von Lavendel über den Wochenmarkt an der Osnabrücker Katharinenkirche. Tomaten, Gurken und Paprika leuchten in knalligen Farben von den Tischen der Gemüsestände. Eine Mitarbeiterin des Hauses am Ledenhof verteilt zur Probe Erdbeeren an die Bewohner des Seniorenheims, die heute bei dem Marktbesuch dabei sind.

Erika Kampe ist eine von ihnen. Die 87-jährige Frau mit vollen grauen Haaren und strahlenden Augen sitzt im Rollstuhl. Sie lässt sich an den Obst- und Gemüseständen vorbeischieben. Ihr Ziel: der Fleischer. Eine Wiener Wurst muss her, so wie früher. „Früher bin ich jeden Sonnabend auf den Markt gegangen, jeden Sonnabend! Ich hab´ nicht immer wer weiß was mitgebracht, aber ich war draußen, im Trubel, und hab´ was gesehen“, sagt die 87-jährige Frau, die an Demenz erkrankt ist.

Dass Erika Kampe heute wieder auf dem Markt sein kann, das liegt an Dominique Klompmaker. Die 35-Jährige ist zum ersten Mal bei dem Projekt „Mach glücklich!“ des Osnabrücker Diakoniewerkes dabei. Klompmaker ist als Pharmareferentin beruflich viel unterwegs, da wäre ein regelmäßiges, ehrenamtliches Engagement undenkbar. „Andererseits hat es für mich immer dazu gehört, mich ehrenamtlich einzubringen, deshalb ist das für mich jetzt eine super Gelegenheit“, sagt die blonde Frau mit der Brille im Gespräch mit Landessuperintendentin Birgit Klostermeier. Ihr Arbeitgeber gibt ihr und ihren Kollegen dafür im Jahr sogar zwanzig Stunden frei.

Katharina Liebing hat sich für den Vormittag auf dem Markt ausgestempelt. Die 29-Jährige ist bei der Stadt angestellt und absolviert nebenbei ein Masterstudium. Auch wenn bei ihr die Zeit knapp ist, sie ist gerne mit älteren Menschen zusammen: „Ältere Menschen haben oft unfassbar tolle Geschichten zu erzählen, außerdem haben viele einen guten Humor, finde ich. Wenn ich mit ihnen zum Beispiel ins Theater gehe, dann erinnert sie das an früher. Warum soll ich da nicht etwas Zeit abgeben?“ sagt die aufgeschlossene junge Frau.

Der Jüngste in der Runde ist der 18-jährige Leander Zange. Der fast zwei Meter große Abiturient ist von Beginn an bei dem Projekt dabei. „Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ – so lautet die aktuelle Jahreslosung, und auf ihn trifft sie besonders zu. Schließlich war das Ehrenamt für den Schüler im vergangenen Herbst eine neue Erfahrung. So hat er im Winter mit Senioren den Weihnachtsmarkt in der Osnabrücker Altstadt besucht, außerdem war er mit einer kleinen Gruppe im Osnabrücker Zoo. Inzwischen ist Leander Zange klar: er möchte in Zukunft auch beruflich mit Menschen zusammen arbeiten. „Ich bin gerne in Kontakt mit anderen, und ich helfe gerne“, sagt der 18-Jährige. Deshalb sind für ihn die Gänge ins Seniorenheim auch zur Regel geworden. Alle zwei Wochen übernimmt er einen Besuchsdienst.

„Das ist für uns natürlich toll, wenn jemand über die `Wunscherfüller´ dazu kommt, sich regelmäßig ehrenamtlich zu engagieren, denn die freie Zeit ist für die meisten Menschen heute weniger geworden. Deshalb ist es ein Einstieg, oder eben ein einmaliges Engagement, das gerne wiederholt werden kann“, berichtet Susanna Waller. Die Freiwilligenkoordinatorin beim Diakoniewerk Osnabrück hatte die Idee zu dem bundesweit wahrscheinlich einmaligen Projekt, das sich an die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Ehrenamtlichen anpasst.

Seitdem es keinen Zivildienst mehr gibt, sind junge Männer wie Leander Zange eher selten in Altenheimen zu finden. „Deshalb ist es umso wichtiger, dass auch andere wieder Leben in die Heime bringen“, sagt die Osnabrücker Regionalbischöfin Birgit Klostermeier. Und dass sie Zeit haben für Freizeitaktivitäten, die vom Personal im Rahmen der normalen Pflege nicht drin wären. Das Alter spielt dabei gar keine Rolle, wie die 65-jährige Annette Kothöfer beweist. Wie bei vielen Rentnern ist auch ihre Freizeit knapp bemessen. Die lebhafte Frau mit den dunklen Haaren ist ausgebildete Seniorenbegleiterin. Als sie berufsunfähig wurde, war für sie klar, dass sie etwas für ihre „grauen Zellen“ tun wollte, sagte die vielfach beschäftigte Ehrenamtliche. „Dabei will ich aber Abwechslung, sonst wird es irgendwann langweilig. Und es ist natürlich schön zu sehen, dass die Senioren sich sehr freuen, wenn jemand kommt und mit ihnen nach draußen geht.“

Achtzig Wünsche konnte Freiwilligenkoordinatorin Susanna Waller mit ihren „Wunscherfüllern“ seit vergangenem September schon möglich machen. Und die Nachfrage bleibt weiter groß – auf beiden Seiten. Vierzig Ehrenamtliche stehen auf ihrer Liste. Sobald ein Wunsch aus einem der Osnabrücker Heime eingeht, wird er über den Verteiler verschickt. Wer Interesse hat, meldet sich an und es kann losgehen. Die Kosten für Eintrittsgelder oder Busfahrkarten können von der Diakonie übernommen werden. Auch in den Heimen wird das Projekt immer bekannter. Mitarbeiter sprechen Bewohner gezielt an, oder es gibt einen größeren, gemeinsamen Ausflug, bei dem mehrere Senioren und mehrere „Wunscherfüller“ zusammen unterwegs sind – so wie an diesem Donnerstag auf dem Wochenmarkt an der Osnabrücker Katharinenkirche, mit anschließendem Besuch der Marktmusik in der Kirche.

Am Ende des Vormittags ist Erika Kampe müde. „Man schiebt mich hierher und ich lass´ es mir gefallen“, sagt die 87-Jährige. Mit einem verschmitzten Lächeln fügt sie hinzu: „Und ich muss sagen, es gefällt mir ganz gut.“

Quelle: http://www.sprengelfruechte.de/fruechte2017/Teil-3 

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